Wissenswertes zur Bindungstheorie - von 47 Bindungsforschenden weltweit
- Wissenswertes

Verständnis von Bindung und Fürsorge:
zentrale Annahmen und Fehlvorstellungen
Deutsche Übersetzung von Teilen der wichtigen Veröffentlichung von 47 Bindungsforschenden:
Opie, J.E., Waters, E., Duschinsky, R., Hammarlund, M., Madigan, S., Foster, S., Forslund, T., Thompson, R., Steele, H., Steele, M., Roisman, G.I., Groh, A.M., Fonagy, P., Dagan, O., Talia, A., Rossen, L., Sroufe, L.A., Tronick, E., Fearon, R.M.P., Granqvist, P., Sagi-Schwartz, A., Lieberman, A., Carlson, E., Zimmermann, P., Dozier, M., Wazana, A., Belsky, J., Shaver, P.R., Cicchetti, D., Bosmans, G., Schuengel, C., Grossmann, K., Cyr, C., Dubois-Comtois, K., Verhage, M., Tharner, A., Oosterman, M., Allen, B., Crowell, J.A., Vrtička, P., Woolgar, M., Raby, K.L., Galbally, M., Holmes, J., Marvin, R.S., van IJzendoorn, M.H. and Bakermans-Kranenburg, M.J. (2026), Practitioner Review: Clinical insights from attachment theory and research for professionals working with young children and their families. J Child Psychol Psychiatr.
February 2026 Journal of Child Psychology and Psychiatry
DOI: 10.1111/jcpp.70126
LicenseCC BY 4.0
Dies ist kein typischer Blogbeitrag, aber höchst relevant. 47 hochrangige Bindungsforschende aus der ganzen Welt haben gemeinsam einen Text verfasst, der nochmal klar die Bindungstheorie einordnet und Missverständnisse klärt. Außerdem ganz klare Leitfragen formuliert.
Wir freuen uns, dies hier mit euch teilen zu dürfen und so einen Beitrag zur Verbreitung leisten zu können (Übersetzung: Anna Ruppelt).
Zentrale Annahmen der Bindungstheorie
Die Relevanz der Bindungstheorie für Praktiker liegt in zentralen Annahmen, die durch jahrzehntelange Forschung und meta-analytische Befunde gestützt werden. Wir betonen sechs evidenz-basierte Kernannahmen, die den aktuellen Stand der Bindungstheorie umreißen. Diese Kernannahmen können als allgemeiner Rahmen für Politik, Prävention und klinische Praxis dienen. Wie im Folgenden erläutert, haben diese Annahmen bindungs-basierte Elternprogramme inspiriert und können Hinweise für klinische Beobachtungen und Diagnosen liefern.
Bindung ist ein Bestandteil einer Beziehung, nicht ein individuelles Persönlichkeitsmerkmal. Sie ergibt sich aus der Tendenz des Kindes, in Belastungssituationen Fürsorge, Schutz und Nähe zu einer stärkeren und kompetenteren Bezugsperson zu suchen, die als „sicherer Hafen“ in Zeiten von Stress und als potenzielle „sichere Basis“ für die Erkundung der Umwelt dienen kann.
Die Bindungstheorie legt großen Wert auf kontinuierliche und feinfühlige Fürsorge sowie auf das Setzen von Grenzen während der Entwicklung, angepasst an das jeweilige Entwicklungsniveau des Kindes. Dieser Fokus auf Fürsorge leitet Praktiker dazu an, (präventive) Interventionen oder Platzierungsentscheidungen zu priorisieren, die die Kontinuität der Betreuung fördern.
Die Bindungstheorie betont, dass Kinder in den ersten fünf Lebensjahren Erwartungen hinsichtlich Sicherheit, Geborgenheit und Vertrauen innerhalb stabiler, enger Beziehungen entwickeln – durch mehr oder weniger konsistente, feinfühlige Interaktionen in kontinuierlichen Betreuungssituationen. Diese Erwartungen entwickeln sich zu inneren Modellen (mental models) (z. B. Repräsentationen und „Secure-Base-Skripte“), die die soziale Kompetenz von Kindern in späteren Beziehungen zu Gleichaltrigen, Lehrern oder Partnern fördern (ohne sie vollständig festzulegen).
Die Bindungstheorie sagt voraus – und Forschung bestätigt –, dass sichere Bindung, bei der Bezugspersonen konsistent auf die Signale und Bedürfnisse von Säuglingen reagieren, spätere Unabhängigkeit und Selbstregulation fördert, statt Abhängigkeit zu verstärken.
Die meisten Kinder wachsen in einem „Bindungsnetzwerk“ ('attachment network') auf – bestehend aus Bezugspersonen wie Eltern, Großeltern oder Betreuungspersonen –, die im Alltag sichere Basen und sichere Häfen bieten können. Kinder können unterschiedliche Bindungsbeziehungen zu verschiedenen Bezugspersonen entwickeln, und aktuelle Befunde legen nahe, dass die Bindungsbeziehung zur Mutter für Entwicklungsergebnisse nicht grundsätzlich wichtiger ist als die zum Vater.
Unsichere oder desorganisierte Bindungen können nicht mit späteren (entwicklungsbezogenen oder bindungsbezogenen) Störungen oder klinischen Problemen gleichgesetzt werden; sie sagen lediglich eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für zukünftige Probleme voraus, wenn sie mit weiteren sozialen oder individuellen Risikofaktoren zusammentreffen.
Diese Kernannahmen sind strikt probabilistisch (wahrscheinlich), das heißt, ihre Vorhersagen gelten auf Gruppenebene und lassen viele individuelle Ausnahmen zu. Sie erlauben daher keine sicheren Prognosen für die Entwicklung eines einzelnen Kindes. Die erfahrungsbasierte Expertise von Praktikern ('expertise-by-experience') bleibt unverzichtbar, doch können die Kernannahmen als Orientierungspunkte für praktische Entscheidungen oder Interventionen dienen.
Im klinischen Kontext stehen derzeit noch keine validen Bindungsdiagnostiken mit ausreichender Sensitivität und Spezifität zur Verfügung, sodass Kliniker auf ihre geschulte Beobachtung und umfangreiche Erfahrung angewiesen sind. Fachkräfte mit fundiertem Verständnis der Bindungstheorie können ihre Erfahrung durch theoretische und empirische Befunde bestätigen, bleiben sich jedoch der Grenzen bewusst, ziehen alternative Interpretationen in Betracht und vermeiden endgültige Schlussfolgerungen. Sie unterscheiden klar zwischen klinischen Eindrücken und sogenannten „Goldstandard“-Verfahren, die für Gruppenstudien validiert sind, nicht jedoch für die Anwendung auf Einzelfälle.
Missverständnisse zur Bindungstheorie
Die Bindungstheorie wurde häufig missverstanden. Wie Foster et al. (2025) feststellen: “Studenten, Praktiker an die Familien mit denen sie arbeiten, begegnen häufig Fehlinformationen über Bindung aus verschiedenen Quellen. Diese Fehlinformationen sind weit verbreitet, haben die Form auffälliger Behauptungen und klingen plausibel und versprechen unmittelbare praktische Relevanz” (S. 3). Zudem haben Theoretiker, Praktiker und Eltern eigene Perspektiven in die Theorie hineinprojiziert.
Solche Fehlinterpretationen haben zu vereinfachten und deterministischen Deutungen zentraler Annahmen der Bindungstheorie geführt, wie von Bindungsforschern herausgestellt (Duschinsky et al., 2021; Hammarlund, Granqvist, Elfvik, Andram, & Forslund, 2022). Während es sowohl Punkte der Übereinstimmung, als auch Meinungsverschiedenheiten zwischen Bindungsforschern und Praktikern gibt, vermuten wir, dass diese Missverständnisse zu Herausforderungen der korrekten Übersetzung der Bindungsforschung in die Praxis beigetragen haben, mit dem Risiko eines Abbruchs des Dialoges zwischen Forschenden und Praktikern (Beckwith et al., 2022). Das Aufklären von Missverständnissen, das Aufdecken von Mythen und die Klärung idiosynkraticher Interpretationen der Bindungstheorie würde Klinikern erheblich zugutekommen und wiederrum bei klinischen Diskussionen wirksam zur Interpretation von Forschungsergebnissen und neuer Forschung beitragen (Fearon, 2019; Van IJzendoorn & Bakermans-Kranenburg, 2024).
[…]
Im Folgenden werden zentrale „Bindungsmythen“ dargestellt (Zusammenfassung Anna Ruppelt):
Missverständnis 1:
Die zentrale Erkenntnis der Bindungstheorie sei die Einteilung in sichere, vermeidende, ambivalente und desorganisierte Bindung.
→ Eine Überbetonung dieser Klassifikationen fördert typologisches Denken, kann stigmatisieren und wichtige Aspekte wie die Rolle der Bezugsperson als sichere Basis in den Hintergrund drängen. Klassifikationen sind primär Forschungsinstrumente und nicht für die individuelle klinische Diagnose geeignet.
Anstatt zu versuche, Beziehungen zu kategorisieren, können sich Menschen in der Praxis darauf konzentrieren, Bezugspersonen dabei zu unterstützen, sensibel auf die Bedürfnisse von Kindern zu reagieren und eine sicheres Basis-Verhalten zu fördern.
Missverständnis 2:
Bindung könne „stark“ oder „schwach“ sein - bedeutet, dass ein Kind “zu viel gebunden” oder "zu wenig gebunden" sein kann.
→ Tatsächlich geht es um die Qualität der Beziehung, nicht um deren „Menge“. Entscheidend ist das Vertrauen des Kindes in die Verfügbarkeit der Bezugsperson (Ainsworth, Blehar, Waters, & Wall, 1978/2015).
Bindungsbeziehungen unterscheiden sich darin, in welchem Ausmaß der Säugling oder das Kind Vertrauen in die Verfügbarkeit und Responsivität (Antwortverhalten) der Bezugsperson hat und sie “für mich da” ist als sichere Basis und als sicherer Hafen - dies spielt keine Unterschiede der Stärke der Bindungsbeziehung wieder.
Missverständnis 3:
Bindungssicherheit bleibe lebenslang unverändert.
→ Obwohl frühe Bindungen einflussreich sind, ist kindliche Bindung keineswegs festgelegt (Booth-LaForce & Roisman, 2021; Opie et al., 2021). Forschung zeigt, dass Bindungsmuster sich durch Erfahrungen und Interventionen verändern können. Die Annahme von Stabilität kann Schuldgefühle bei Eltern verstärken und die Wirksamkeit von Interventionen unterschätzen.
Missverständnis 4:
Bindung lasse sich anhand kurzer Beobachtungen (z. B. im Wartezimmer) diagnostizieren.
→ Valide Diagnostik erfordert standardisierte Verfahren und geschulte Beobachter. Kurze Beobachtungen erfassen die Komplexität nicht.
Missverständnis 5:
Nur sichere Bindung sei adaptiv, unsichere sei pathologisch.
→ Unsichere Bindungen können adaptive Strategien sein und bedeuten nicht zwangsläufig negative Entwicklung.
Missverständnis 6:
Desorganisierte Bindung sei ein Hinweis auf Kindesmisshandlung.
→ Sie kann verschiedene Ursachen haben; Misshandlung ist nur eine davon.
Missverständnis 7:
Unsichere oder desorganisierte Bindung sei gleichbedeutend mit einer Bindungsstörung.
→ Bindungsstörungen sind seltene klinische Diagnosen und unterscheiden sich klar von Bindungsmustern.
Missverständnis 8:
Bindung sei im „rechten Gehirn“ oder in „primitiven“ Hirnarealen lokalisiert.
→ Tatsächlich basiert Bindung auf komplexen neuronalen Netzwerken im gesamten Gehirn (White, Kungl, & Vrticka, 2023). Praktische Anwendungen der Neurowissenschaft stehen noch am Anfang.
Missverständnis 9:
„Bindungstherapien“ wie “rebirthing” oder “holding therapie”, “re-parenting” seien evidenzbasiert und bindungsbasierte Interventionen.
→ Diese Methoden sind wissenschaftlich nicht fundiert und können schädlich sein. Evidenzbasierte Interventionen fördern stattdessen Feinfühligkeit der Bezugsperson.
Schlussfolgerungen für die Praxis
Die Anwendung zentraler Konzepte der Bindungstheorie in Politik und Praxis wird ausdrücklich empfohlen. Entscheidend ist, die Bedürfnisse von Kindern nach Sicherheit, stabiler Betreuung und Exploration zu verstehen und Bezugspersonen dabei zu unterstützen.
Wichtige Leitfragen für die Praxis sind u. a.:
- Wie und in welchem Ausmaß sucht das Kind Nähe zur Bezugsperson in Stressituationen ?
- Wie reagiert die Bezugsperson auf die kindlichen Stresssignale?
- Unterstützt die Reaktion der Bindungsperson auf das Kinde dieses darin, seine Emotionen zu regulieren?
- In welchem Ausmaß scheint das Kind frei zu sein, seine soziale und physische Umgebung zu erkunden und sich mit ihr auseinanderzusetzen?
- Gibt es Aspekte der Interaktionen, die das Kind ängstigen oder zu beunruhigen scheinen?
- Welche Gefühle und Gedanken scheint das Kind über sich selbst in Bezug auf die Bezugsperson zu haben, und wie könnten diese mit dem Bindungsverhalten des Kindes zusammenhängen?
- Wie gehen Bindungsperson und Kind mit Reibung oder Konflikten in der Beziehung um?
- Wie interpretiert die Bezugsperson das Verhalten des Kindes in solchen Situationen?
- Wie hängen diese Situationen und Interaktionen mit der eigenen Bindungsgeschichte der Bezugsperson zusammen?
Aus einer strengen translatorischen (Übertragung) Perspektive sollten sich Praktiker eher an solchen Fragen orientieren als an diagnostischen Instrumenten, die nur für Forschung validiert sind. Dennoch könnten zukünftige Entwicklungen zu besseren diagnostischen Verfahren führen.
Aus einer erweiterten Perspektive können auch weniger streng validierte Instrumente hilfreich sein, um Kinder und Bezugspersonen besser zu verstehen.